Markus Breitscheidel

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Interview

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Vorspann

Für sein im September 2005 erschienenes Buch „Abgezockt und totgepflegt – Alltag in deutschen Pflegeheimen“ verdingte sich der beruflich erfolgreiche Manager Markus Breitscheidel als Pflegehilfskraft in fünf deutschen Großstadt-Pflegeeinrichtungen von Hamburg im Norden bis München im Süden. Über ein Jahr lang sammelte der zu Beginn seiner Recherchen (2002) 37.-Jährige dabei Eindrücke und Erfahrungen, die ihm oft genug den Schlaf raubten:

Denn vorwiegend traf er auf Menschen verachtenden und Gesetzen Hohn sprechenden Umgang mit Pflegebedürftigen. „Gefährliche Pflege“, das Schreckgespenst aller Pflegenden guten Willens (und das sind laut Breitscheidel die weitaus meisten, bis sie nach wenigen Jahren ausgebrannt sind), war bei seinen verdeckten Recherchen an der Tagesordnung – ganz abgesehen von zahlreichen weiteren Missständen in den Bereichen medizinische, psychologisch-psychiatrische und rehabilitative Versorgung, Heimleitung, Pflegedokumentation, Finanzen. Dazu kommt offenbar völlig unzureichende Kontrolle seitens Heimaufsicht und Behörden.



Ich bin zurückgekommen mit der Erkenntnis, dass Leben und Arbeiten in Heimen fast immer unerträglich sind. Sicher gibt es Heime, die mit hohem individuellem und idealistischem Einsatz versuchen, das Leben in ihnen angenehm zu gestalten. Doch ändern auch sie nichts an der Tatsache, dass das Heim als Institution menschenunwürdig ist, in ihm die Grundrechte der Menschen potenziell bedroht sind und es keine adäquate Lösung für die Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen im 21. Jahrhundert ist.“

(Markus Breitscheidel nach über einem Jahr Tätigkeit in deutschen Pflegeheimen)


Frage

Wie kommt ein erfolgreicher, akademisch ausgebildeter Manager auf das Thema Altenpflege? Und warum, glauben Sie, hat ihr Buch dermaßen eingeschlagen?


Antwort

Als ich 16 war – ich wohnte in einer Kleinstadt –, kam die Oma eines Freunds ins Pflegeheim und blieb dort bis zu ihrem Tod. Diese „Abschiebung“ empörte und beschäftigte mich, denn bis dahin hatte ich immer erlebt, dass Alte bis zum Ende von ihren Familien versorgt wurden. Ich machte mir viele Gedanken um das Altern, die sozialen Aufgaben der Gesellschaft und des Staats, las und hörte in den Medien über Missstände und Gewalt gegen Alte. Das Thema Soziales war unterschwellig immer da. Ganz nach oben kam es, als ich in meiner damaligen Firma Leute entlassen musste, mit denen ich Jahre lang gut zusammengearbeitet hatte: ein Horror, der mich in Gewissenskonflikte brachte und den ich mir nicht auf Dauer antun konnte.

Der Zufall wollte es, dass ein langes Gespräch mit Günter Wallraff zustande kam, dessen Buch „Ganz unten“ über verdeckte Recherchen in der oft unmenschlichen industriellen Arbeitswelt ich mit 14 verschlungen hatte. Er verstand und bestärkte mich in meinen noch verschwommenen Ausstiegsgedanken. Es folgte zum Entsetzen meiner Familie die Tat: Ich kündigte und zog naiv und ahnungslos aus – das Fürchten zu lernen, wie ich heute weiß.

Das „Innenleben“ von Heimen war vor Erscheinen meines Berichts nur dann öffentliches Thema, wenn gerade mal wieder ein Skandal ans Licht kam. Kurz nach der Schelte durch Medien und Politik, die dabei meist rundweg von Einzelfällen ausgingen, war die Sache stets gegessen. Wenn einzelne Angehörige die Zustände kritisieren und an die Öffentlichkeit gehen, ist der Effekt nicht eben nachhaltig. Ein Buch, auf Grund verdeckter Recherchen geschrieben und mit einem Vorwort des Undercover-Journalisten par excellence, Günter Wallraff, dazu mit einem so provokanten Titel, wirbelt natürlich mehr Staub auf. Da funktioniert die allgemeine Verdrängung dann nicht mehr so ohne Weiteres.


Frage

Sie kannten damals kein Pflegeheim von innen. Wie fanden Sie, unbeleckt jeglicher Ausbildung oder Erfahrung, überhaupt Anstellungen als Pflegehilfskraft? Wie sah die Einarbeitung aus?


Antwort

Das war absolut kein Problem. Auf einer vom Arbeitsamt erhaltenen Liste von Heimen, die Hilfskräfte suchten, nahm ich das erste ganz oben, stellte mich vor, wurde taxiert – ledig, also flexibel, kräftig, sieht gesund aus – und hatte den ersten Job nach zehn Minuten: Hilfe bei der Betreuung von 26 Schwerstpflegebedürftigen. Zwei Tage lang begleitete ich zunächst einen ausgebildeten Pfleger. Von der ersten Minute an herrschte chronischer Zeitmangel. Nach einem Tag ging ich auf dem Zahnfleisch und hatte übrigens keine/n einzige/n BewohnerIn mit Namen kennen gelernt – letzteres war fast überall die Regel.

Von jedem Heim, bei dem ich mich bewarb, wurde ich eingestellt, beim zweiten Mal nach fünf Minuten und der Frage, wie viele Menschen ich pro Tag „geschafft“ hätte. Nur einmal gab es eine gründliche Abfrage meiner Fähigkeiten. Dort wurde ich auch adäquat eingearbeitet.


Frage

Was hat Sie bei Ihrer Arbeit in den Pflegeheimen am meisten bewegt, beeindruckt, belastet?


Antwort

Bei dieser Frage möchte ich Ihnen am liebsten einen Korb geben – nicht umsonst habe ich ein ganzes Buch geschrieben... Es ist schwer, angesichts der Fülle der Eindrücke einzelne herauszuheben. Beispiele, die für viele weitere stehen mögen:

Eine Frau mit Dekubitus reißt sich regelmäßig die Windel herunter, weil der Schmerz durch Kot und Urin zu stark wird: Ständig müsste die Bettwäsche gewechselt werden. Stattdessen bekommt sie ohne ärztliche Verordnung eine Spritze zur Ruhigstellung (es ist üblich, Medikamente Verstorbener für solche „Fälle“ zu horten und sie bei einer Kontrolle zu verstecken).

Eine andere bittet darum, von einer Frau gewaschen zu werden statt von einem Mann – Entscheidung der verantwortlichen examinierten Kraft: Dann bleibt sie eben ungewaschen.

Eine feine alte Dame, vom Sohn misshandelt und ausgebeutet, krank an Leib und Seele, aber hell im Kopf, wird, weil sie nach freundlicher Ansprache hungert und mehrmals klingelt, in der Akte als „unruhig“ vermerkt (was durchaus medikamentöse Ruhigstellung zur Folge haben kann).

In einem kompletten Stockwerk werden die Menschen wegen Personalmangels vom Nachtdienst in ihre Zimmer eingeschlossen und „vergessen“.*

Einer Frau mit Dekubiti an beiden Fersen wurden zehn Tage lang die Verbände nicht gewechselt, wie ich am ersten Tag in einem der Heime feststellte. Kommentar einer Examinierten auf ihr Jammern und meinen Einspruch: Wir können ja den Arzt rufen und beide Füße abnehmen lassen, dann ist Ruhe.

Keine Zeit!“ „Dann muss sie sich eben gedulden!“ – Standardsätze, die ich immer wieder hörte. Das betraf auch das Eingeben von Essen und Flüssigkeit. Nur 200 bis 400 ml täglich waren keine Seltenheit.

Die größten Belastungen sind ein permanent schlechtes Gewissen und Schuldgefühle: Auch wenn ich mich den ganzen Tag abstrample, ich weiß, dass es weder fachlich noch menschlich genügt. Wo schon unterstützte Toilettengänge nicht inkontinenter Menschen als „besondere Wünsche“ qualifiziert und aus Zeitgründen mittels eigentlich unnötigen Windelns unterbunden werden, entsteht Ausweglosigkeit für alle – für Pflegende und zu Pflegende.



Frage

Wie um Himmels Willen können Ihrer Ansicht nach solche Missstände entstehen? Liegt es am Geld? Wie geht das Personal damit um?


Antwort

Fangen wir hinten an. In vier „meiner“ fünf Heime wurde personell nur der Mangel verwaltet. Schichten waren teilweise nur zu 50 Prozent besetzt. Wurde jemand krank, was bei derlei Zuständen unvermeidlich ist – ich war es auch –, verzweifelten die anderen vollends. Nicht immer war „satt und sauber“ zu schaffen. Anerkennung „von oben“ gab es nur für Quantität, nicht für Qualität. Spaß am Dienst für Menschen? Befriedigung im Beruf finden? „Dummes Geschwätz“, hörte ich auf solche Bemerkungen. Wer nicht mitzieht, wird gemobbt. Und das bei – in meinem Fall, als Ungelernter! – Verantwortung für bis zu 24 Pflegefällen. Eine engagierte junge Pflegedienstleiterin gab nach kurzer Zeit entnervt auf, weil von 83 täglich nötigen Pflegestunden mit dem vorhandenen Personal nur 49 möglich waren (was die Geschäftsleitung wusste und trotzdem ständig Neue aufnahm: Gewinnschmälerung gibt es nicht durch unterversorgte Alte, sondern durch die Personalkosten).

Personelle Unterbesetzung ist die Norm. Ich erlebte, dass von 15 gesetzlich vorgeschriebenen Stellen nur sechs besetzt waren. 70 BewohnerInnen, später sogar 82, wurden von einer einzigen Nachtwache „betreut“. Es gab für Dreischichtbetrieb nur zwei Examinierte, wobei laut Gesetz die Anwesenheit wenigstens einer ausgebildeten Pflegekraft zwingend ist.

Während der Schicht gab es zeitlich kaum Möglichkeiten zur Selbstversorgung, so dass ich manchmal mit Zittern, Brechreiz und Schwindel nach Hause ging. Ich fragte mich oft, wie das die Frauen nur schafften, deren Arbeit nie abriss, weil sie im heimischen Haushalt auch noch die Familie versorgten...

Sogar in einem „Hochglanzheim“ mit Monatsmieten pro Person zwischen 3000 und 4520 € – Restaurant, Pflegeleistungen und Aktivierungsangebote extra, was sich bis zu monatlich 10'000 € summierte – standen alle Examinierten unter Zeitdruck, so dass eindeutig gefährliche Pflege vorlag und beispielsweise ich als Hilfskraft im Endeffekt aus Kostengründen angehalten wurde, Magensonden zu wechseln, was selbstverständlich nicht erlaubt ist.

Das Elend geht vor allem auf die Strukturen der deutschen Pflegeversicherung sowie auf mangelnde Kontrolle und Zusammenarbeit der Pflege- und Krankenkassen zurück. Eine eingehende Erläuterung würde hier wohl zu weit führen.

Begünstigt wird solches Übel dadurch, dass einerseits keine adäquaten Kontrollen stattfinden und andererseits die Pflegekasse in unendlichem Vertrauen ihre Zuschüsse gemäß dem gesetzlichen Personalschlüssel überweist. So wird Betrug am Sozialstaat und (zum pflegerischen auch noch finanzieller) an den BewohnerInnen leicht gemacht. Ja, es liegt am Geld – nicht etwa an Geldmangel, sondern an den Gewinnen, die die Heimbetreiber einstreichen.



Frage

Warum wehren sich offenbar so wenige Leute gegen diese Zustände?


Antwort

Erstens: Es wird ihnen schwer gemacht. Dokumentationen werden geschönt, gefälscht und einzelne Stockwerke auf Hochglanz gebracht, wenn sich die Heimaufsicht anmeldet, zusätzliches Personal von Leiharbeitsfirmen für die entsprechende Schicht engagiert.

Zweitens: aus Angst, es könnte nach Reklamationen noch schlechter werden. In drei von fünf „meiner“ Heime herrschte ein Klima von Angst und Aggression. Wer sich wehrte – das ging bis zu Suizidversuchen aus schierer Verzweiflung –, wurde von „unruhig“ bis „renitent“ dokumentiert. Und dann begünstigen Ruhigstellung und Resignation das nächste Strukturübel: Eine höhere Pflegestufe mit Mehrbedarf an pflegerischer Tätigkeit bringt dem Heim mehr Geld. Folglich liegt es zwecks möglichst hoher Auslastung in keiner Weise im Interesse der Betreiber, durch aufwändige aktivierende Pflege Rehabilitation zu erreichen; Höherstufung gibt es dauernd, Herabstufung praktisch nie.

Drittens also: wieder aus Angst, denn wer im Heim landet, stirbt auch dort. Und wer will schon vernachlässigt, ruhiggestellt, allein gelassen und unter Schmerzen sterben? Wer sich wohlverhält, kann theoretisch bis zum Schluss auf Besserung der Versorgung hoffen.


Frage

All das weist darauf hin, dass schöne Hochglanzprospekte viel versprechen, aber wenig gehalten wird...


Antwort

...genau, so ist es in vielen Fällen. Es wird kaum Zufall sein, dass ich in vier „meiner“ fünf Heime katastrophale Zustände antraf, in denen von A wie Akkordarbeit über M wie Medikamentenmissbrauch bis Z wie Zimmernummern statt Namen jede Art Menschen verachtenden Gebarens an der Tagesordnung war. Das fünfte war, obschon eine private Einrichtung, die wohltuende Ausnahme, die in der Bundesrepublik zu jener Zeit 100 Häuser mit 17'000 Wohn- und Pflegeplätzen betrieb bei 9000 Stellen in Verwaltung und Pflege. Dort war der Pflegebereich ausgelagert in eine gemeinnützige GmbH, so dass er Kosten deckend arbeiten musste, nicht Gewinn orientiert, wie ich es sonst erlebte. Entsprechend war die Atmosphäre: Freundlich, ruhig, gemütlich, zwei Wochen intensiver Einarbeitung, bevor ich sieben Menschen körperlich und geistig-seelisch umfassend betreuen durfte, hin und wieder unangemeldet durch die Pflegedienstleitung kontrolliert. Es gab nahezu jede Unterstützung zur Rehabilitation – ein Spaziergang, diese Aufgabe, nach den vorherigen Erfahrungen.


Frage

Die Frage, ob Menschen Angst vor dem Pflegeheim haben müssen, erübrigt sich fast: Offensichtlich scheint beim Aussuchen eines Heims jedenfalls höchste Vorsicht geboten. Was muss sich ändern? Haben Sie Erkenntnisse über die entsprechenden Verhältnisse in der Schweiz?


Antwort

Ich hatte schon mit 16 das Gefühl und sehe es heute bestätigt: Das Pflegeheim ist, so wie es sich in Deutschland derzeit darstellt, einer humanen Gesellschaft nicht würdig. Wie gesehen, wird heute gute Pflege bestraft, schlechte belohnt. Dringend nötig wären öffentliche Rechenschaftslegung von Heimen, unangemeldete Kontrollen durch neutrale Instanzen, Abschaffung der vertraglichen Schweigepflicht des Pflegepersonals und damit ungestrafte Öffentlichmachung von Missständen, Aufstellung individueller Heil- und Pflegepläne inklusive psychosozialer Betreuung. Schon allein dann, wenn Folgekosten dem Verursacher angelastet würden, wie die Versorgung eines nachweislich im Heim entstandenen Dekubitus bis zur vollständigen Heilung, ginge ein gewaltiger Ruck durch diese Höllenmaschinerie.

Auf lange Sicht müssen Alternativen gefunden werden, angefangen von grundlegenden Strukturveränderungen wie zum Beispiel Zusammenlegung oder wesentlich vernetztere Arbeit von Kranken- und Pflegekassen mit dem gemeinsamen Ziel intensiver Prävention, die allemal kostengünstiger ist als langes Heimsiechtum.

Schweizer Verhältnisse ??Leider keine Ahnung!

Zum Schluss kann ich nur eindringlich aufrufen: Pflegende, macht den Mund auf – nur so helft ihr, die Verhältnisse zu ändern, für euch selbst und für die Alten, die noch mehr ausgeliefert sind als ihr.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 25. März 2009 um 13:45 Uhr