Markus Breitscheidel

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Arm durch Arbeit

Überleben als Niedriglöhner: Mit seinem neuen Buch entlarvt Markus Breitscheidel die Agenda 2010 als hohles Versprechen


Hamburg (epd). Er hat mit Hartz IV zu überleben versucht, Pfandflaschen gesammelt, am Fließband gestanden und Erdbeeren gepflückt: Markus Breitscheidel ist für sein neues Buch über die Folgen der sogenannten Arbeitsmarktreformen in die Lebenswelt von Erwerbslosen und Niedriglöhnern eingetaucht. Sein Fazit: Die Agenda 2010 erzeugt vor allem neue Armut. Ab kommenden Dienstag ist der Undercover-Bericht im Buchhandel erhältlich.

 

Dass der Hartz-IV-Regelsatz nicht zum Leben reicht, berichten viele Betroffene. Doch wenn jemand wie Markus Breitscheidel das aus eigener Erfahrung bestätigt, bekommt eine solche Aussage ein anderes Gewicht. Der xx-jährige ehemalige Marketingleiter einer großen Werkzeugfirma, der vor drei Jahren mit seinem Buch „Abgezockt und totgepflegt“ über menschenunwürdige Zustände in Pflegeheimen für Aufsehen sorgte, ist tief in die Lebenswelt von Erwerbslosen und Niedriglöhnern eingetaucht. Das Ergebnis des fast eineinhalb Jahre währenden Selbstversuchs heißt „Arm durch Arbeit“ und ist ab kommenden Dienstag im Buchhandel erhältlich.


Auf gut 200 Seiten nimmt Breitscheidel seine Leser mit auf die Reise in eine Welt, die in der Regel nur die kennen, die selbst schon mal in die Mühlen einer Arbeitsagentur geraten sind. Das Ziel seiner Recherche hat er vorher klar umrissen: „In einem Selbstversuch und durch persönliche Begegnungen mit Betroffenen will ich überprüfen, welche Wirkungen die neue Wirtschaftspolitik und Sozialgesetzgebung im Sinne der Agenda 2010 einige Jahre nach ihrem Inkrafttreten entfaltet haben.“ Breitscheidel startet sein Rollenspiel im Ruhrgebiet: Er reist nach Gelsenkirchen, wo jeder vierte Mensch keine Arbeit hat, und beantragt Hartz IV.


Nach wenigen Wochen muss Breitscheidel erkennen, dass die 345 Euro, die er neben der Miete bekommt, trotz sparsamstem Einkauf zum Leben nicht reichen: „Bereits am 20. des Monats sind meine Vorräte so weit aufgebraucht, dass nicht einmal eine genügsame Kirchenmaus von den Resten satt geworden wäre.“ Er verkauft sein Handy und lernt die Überlebensstrategien von Bedürftigen kennen, etwa das Sammeln von leeren Pfandflaschen aus Mülleimern. Am Beispiel eines 46-jährigen arbeitslosen Familienvaters schildert er, wie infolge der neuen Gesetze innerhalb von 18 Monaten aus einem gutverdienenden Netzwerkexperten ein Sozialfall werden kann. Dessen 17-jähriger Sohn bilanziert den Absturz mit bitteren Worten so: „Was sollte mir ein guter Schulabschluss schon bringen? Ich muss dabei doch nur in meine eigene Familie blicken. Mein Vater war immer einer der besten Schüler, hat sogar studiert und was hat ihm das Ganze gebracht? - Gar nichts!“


Doch Markus Breitscheidel geht es um mehr als die oft geführte Klage, die verschärfte Sozialgesetzgebung habe Millionen Menschen in Armut gestürzt. Er will die Gesetze der neuen Arbeitswelt dokumentieren und macht das, was für immer mehr Arbeitslose die einzige Chance darstellt, dem Leben mit Hartz IV zu entkommen: Er bewirbt sich bei sogenannten Arbeitsvermittlungsagenturen um einen Job als Leiharbeiter. Bald schon steht er in einer Halle des Opel-Werks Rüsselsheim und kontrolliert die Qualität in Spanien gefertigter Autoscheinwerfer. Während er – sofern es Arbeit gibt – nach einem Zeitarbeits-Tarifvertrag mit 7,15 Euro pro Arbeitsstunde entlohnt wird, berichtet ihm ein Opel-Angestellter, der niedrigste Stundenlohn für die Stammbelegschaft liege bei 15,35 Euro plus Zulagen.


Auch als Produktionshelfer am Fließband eines Berliner Werks der Bayer Schering Pharma AG erfährt Markus Breitscheidel von beträchtlichen Verdienstunterschieden für die gleiche Tätigkeit: „Allein an ,meiner’ Maschine verdienen die Menschen zwischen 4,50 pro Stunde und 17,50 pro Stunde brutto.“ Auf der Erdbeerplantage schließlich lernt er, dass es außer der Angst, Hartz IV gekürzt oder gestrichen zu bekommen, nur wenig Gründe dafür gibt, ein Stellenangebot als Erntehelfer anzunehmen. Denn hier wird „Leistungslohn“ bezahlt - der faktisch nicht mehr als einen Dumpinglohn von rund 2,50 Euro die Stunde bedeutet.


Markus Breitscheidel entlarvt mit seinem Bericht ein System, das sich infolge der Agenda 2010 zunehmend in Deutschland ausbreitet: Menschen verdingen sich als die Tagelöhner der Moderne zu Niedriglöhnen in Unternehmen, die reguläre und tariflich bezahlte Arbeitsplätze abbauen. Und der Staat und somit wir alle zahlen doppelt und dreifach drauf – mit Prämien an die Leiharbeitsfirmen, ergänzenden Hilfen für die Billiglöhner, deren Einkommen zum Leben nicht ausreicht, und steigenden Sozialversicherungsbeiträgen - weil mehr „working poor“ eben auch bedeuten, dass immer mehr Menschen immer weniger Geld einzahlen in Renten-, Kranken- und Arbeitslosenkassen.


Er wolle mit seinem Buch eine Diskussion in Gang setzen darüber, „ob wir diese Veränderungen wirklich so wollen“, sagt Markus Breitscheidel. Um Alternativen aufzuzeigen, lässt er in seinem Buch auch Experten zu Wort kommen und formuliert zum Abschluss politische Forderungen: Ein gesetzlicher Mindestlohn von mindestens 8,90 Euro die Stunde sollte eingeführt werden. Kinder von Hartz-IV-Empfängern sollten statt eines gekürzten den vollen Regelsatz erhalten. Der Anteil von Leiharbeitern in Betrieben sollte per Gesetz auf höchstens zehn Prozent der Beschäftigten begrenzt werden. Und Leiharbeiter sollten nach einem Monat Einarbeitungszeit den gleichen Lohn bekommen wie beim Betrieb angestellten Kollegen, die die gleiche Arbeit machen. „Nur so kann man verhindern, dass werkstariflich entlohnte Arbeitsplätze in Niedriglohnbeschäftigung umgewandelt werden.“


Dass Günter Wallraff, Altmeister der verdeckten Recherche, das Vorwort zu „Arm durch Arbeit“ geschrieben hat, ist kein Zufall: Markus Breitscheidel stellt sich mit seinem Bericht in die Tradition eines aufklärenden, gegen soziale Missstände kämpfenden Journalismus. Der Autor habe sich, so Wallraff, Strapazen ausgesetzt, um glaubwürdig Beweis zu führen. „An solch einem Zeugen der elenden Verhältnisse, die an frühkapitalistische Zeiten erinnern, kann keiner vorbei.“

Ulrich Jonas


 

Epd: Sie haben für Ihr Buch von Hartz IV gelebt, Pfandflaschen gesammelt, am Fließband gestanden und Erdbeeren gepflückt. Was fiel Ihnen am schwersten?

Breitscheidel: Das Erdbeeren pflücken. Weil es die härteste Arbeit war. Nach zwei Stunden fühlt man sich wie ein 70-Jähriger. Das ist sogar anstrengender als die Arbeit in der Pflege.


Epd: Was hat Sie bei der Recherche am meisten überrascht?

Breitscheidel: Dass Kinder und Jugendliche am stärksten von den Hartz-IV-Gesetzen betroffen sind. Dabei müssten wir den Nachwuchs eigentlich top ausbilden, wenn wir unsere Ängste vor der zunehmenden Globalisierung ernst nehmen würden.


Epd: Was hat Sie ermutigt?

Breitscheidel: Die Erfahrung, die ich bei Bayer gemacht habe. Da hat man das Outsourcing nicht so intensiv betrieben wie etwa bei Opel. Und das merkt man bei den Mitarbeitern: Die Bayaner sind noch loyal zu ihrem Arbeitgeber. Bei Opel ist das anders: Da zittert das ganze Werk, weil es so viele Leiharbeiter gibt.


Epd: Fürchten Sie juristische Auseinandersetzungen?

Breitscheidel: Ich denke, dass Opel sich das so nicht gefallen lassen wird. Aber ich sehe dem gelassen entgegen. Ich habe intensiv recherchiert. Und ich habe viele Zeugen.


Epd: Was kann Ihr Buch bewirken?

Breitscheidel: Ich hoffe auf eine Diskussion über die Folgen der Agenda 2010. Wir alle sind von den Folgen betroffen, weil immer weniger Geld in unsere sozialen Sicherungssysteme fließt. Laut Statistischem Bundesamt sind seit Inkrafttreten der neuen Gesetze 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren gegangen. Das ist für die mich die wichtigste und auch alarmierendste Zahl.


Epd: Beim Erdbeerpflücken haben Sie rund 2,50 Euro die Stunde verdient. Haben Sie schon den Lohn berechnet, den Sie bei der Arbeit an Ihrem neuen Buch verdient haben?

Breitscheidel: Ich habe das mal für mein Buch über die Misssstände in der Pflege berechnet. Da kam ich auf 58 Cent die Stunde. Der große Unterschied zum Hartz-IV-Empfänger auf dem Erdbeerfeld ist jedoch, dass ich meine Recherche frei und unabhängig gestalten kann. Die Arbeit als Erntehelfer ist genau das Gegenteil: Wer dort sagt, er will nicht mehr, der bekommt für drei Monate die Unterstützung vom Amt gestrichen.



 




Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 06. März 2009 um 23:33 Uhr