Markus Breitscheidel

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Die Kehrtwende

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Kehrtwende

Was für ein Traumjob! Ich war ständig unterwegs – heute zur Natursteinmesse nach Verona, morgen zum Kundengespräch nach Berlin –, traf jeden Tag andere Menschen – was meiner Neugierde sehr entgegen kam –, und eine Abteilung mit zehn Mitarbeitern zog mit mir am selben Strang. Ich durfte, ja musste planen, entscheiden, handeln, die Zukunft des Betriebs immer fest im Blick. Die Zukunft – das waren die Umsätze und Gewinne einer Firma, deren Verkaufsleiter ich war. Ein Job, der mir sozusagen in den Schoß gelegt wurde.

Wie das passiert ist? Ich studierte Wirtschaftswissenschaften und verdiente in dieser Werkzeugfirma schon recht gut während der Semesterferien, indem ich die Lagerverwaltung auf EDV umstellte. Nach dem Studium sammelte ich erste Erfahrungen als Assistent der Geschäftsleitung der damals größten Diskothek Europas. Doch nach diesem Umweg ins Musikmanagement wurden die Werkzeuge wieder attraktiv. Eine Firma bot mir seine Verkaufsleitung für Deutschland an – und ich sagte zu. Von nun an war ich jeden Tag ab sieben Uhr im Einsatz, 24 Stunden über Handy zu sprechen und immer auf mehreren Baustellen gleichzeitig: Messen organisieren und betreuen, Verkaufsgespräche mit Großkunden führen, Prospektproduktionen leiten. Mein Mantra lautete: Kontrolliere die vereinbarten Umsatzziele und senke die Kosten! Dabei wurde das Kostensenkenmüssen umso notwendiger, desto kleiner die Gewinne wurden. Die nämlich sanken Jahr für Jahr, seit asiatische Firmen den Werkzeugmarkt eroberten und zu unerwarteten Konkurrenten wurden, obwohl die Qualität ihrer Produkte zu wünschen übrig ließ. Am Ende aller Rationalisierungsmaßnahmen und Einsparungsversuche lag der schwarze Peter bei mir: Ich musste Mitarbeitern kündigen.

Das war mir verhasst. Und lag mir von Monat zu Monat schwerer im Magen. Ich durfte mich unseren Mitarbeitern ja nur solange zuwenden, wie die Einnahmen stimmten. Erreichten sie die vereinbarten Umsatzziele nicht – und wie sollten sie angesichts der (Welt-)Marktlage? –, musste ich mich abwenden und sie entlassen; eine Aufgabe, die mir immer häufiger aufgetragen wurde. Klar, in einem Job wie diesem herrschen nun mal Zahlen, Ziele, Umsätze. Aber ich merkte, dass es nicht das war, worauf ich zählte. Meine Gedanken kreisten immer mehr um Berufe, in denen man sich nicht für positive Bilanzen, sondern für Menschen einsetzt. Aber so etwas hatte ich weder studiert noch jemals in meinem Leben angepackt. Meine Unzufriedenheit wurde von Woche zu Woche größer.

Es ist weniger ein Hobby als ein mich schon lange begleitendes Thema: das Arbeiten in Altenheimen. Als ich 16 Jahre alt war, wurde die Oma eines Freundes in ein Pflegeheim gebracht, was für mich einer Abschiebung gleich kam und mich damals zutiefst empörte. Ich war aufgewachsen in Cochem an der Mosel auf und hatte bis dahin nur Familien kennen gelernt, die zusammenhielten und die Alten pflegten, bis sie starben. Aber diese Oma sah ihr Zuhause nicht wieder. Sie blieb bis zu ihrem Tod im Heim, und mein Freund fand das ganz normal. Seitdem habe ich mich viel mit dem Altern, den deutschen Sozialgesetzen und unseren Heimen für Alte, Behinderte und Kranke beschäftigt.

An einem Samstagvormittag im Sommer 1998 sollte eine meiner 65-Stunden-Wochen zu Ende gehen mit der Chef-Bitte, noch ein paar bestellte Werkzeuge auszuhändigen. Ich sah auf die Lieferadresse und freute mich: Günter Wallraff benötigt Diamantbohrer. Mit 14 hatte mir ein Lehrer Ganz unten geschenkt, danach verschlang ich alle Undercover-Reportagen Wallraffs und war beeindruckt von seiner konsequenten Art, sich unter Einsatz all seiner Ressourcen in gesellschaftliche Brennpunkte zu katapultieren und vom dortigen Alltag zu berichten. Ein (Journalisten-)Leben mit Berufung und Gradlinigkeit, die mir ihn meinem Leben noch fehlten.

Wallraff begrüßte mich herzlich, nahm mir die Werkzeuge ab und lud mich ein zu einem Rundgang durch sein Haus voller Steinskulpturen. An allen Menschen interessiert, fragte er: "Wie geht es denn Ihnen beruflich?" – und schaute mich zu meinem großen Erstaunen keineswegs schief an, als ich meine Zweifel und Unzufriedenheit formulierte, anstatt Manager-Optimismus auszustrahlen. Tatsächlich hatte ich zum ersten Mal jemanden gefunden, der meine Suche nach einem neuen Weg verstand. Und da ich nun schon mal an der Quelle saß, erkundigte ich mich nach Planungen und Ausführungen seiner Recherchen und konnte nicht verbergen, dass ich mir solch ein Engagement auch vorstellte, es bisher aber nur zu träumen wagte. "Welches Thema liegt Ihnen denn am Herzen?", wollte Wallraff wissen. "Das Arbeiten in der Altenpflege!" – "Klasse Projekt!" Wir vertieften uns, ich motiviert durch seinen Zuspruch, in meine Zukunftsplanung und markierten den Weg zu einem für mich neuen, einem sozialen Engagement, das mir wichtiger werden sollte als das tägliche Rangeln um Effizienz und Gewinne. Am Sonntag verließ ich das Steinhaus voller Inspirationen und wusste: Ich hab’s gefunden.

Am nächsten Morgen fuhr ich in die Firma, kündigte, gab den Schlüssel fürs Firmenauto ab und stand – vor dem Nichts. Aber das Ziel war klar: Ich werde undercover als Altenpfleger arbeiten und darüber berichten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch noch nie ein Altenheim von innen gesehen.

Mein Chef wünschte mir viel Glück, meine Familie war verständnislos, und ich war gewiss, das Richtige zu wollen. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich frei.

Beim Arbeitsamt erfuhr ich, dass ich, ohne mich weiter fort- oder ausbilden zu müssen, als Pflegehilfskraft anfangen darf und mich auch gleich bewerben konnte, denn im Westen Deutschlands waren genügend offene Stellen ausgeschrieben, wenn auch schlecht bezahlte. Ich verkaufte also den Wagen, kündigte alle Versicherungen und sparte, wo es ging. Ohne Auto erschien es mir komfortabler, in den größeren Städten eine Anstellung zu suchen. Mittlerweile hatte ich mich entschieden, in mehreren Orten – verstreut über die ganze Bundesrepublik – zu arbeiten, um aus verschiedenen Quellen schöpfen und meine Erfahrungen vertiefen zu können. Meine erste Wahl fiel auf München, aus dem einzigen Grund, weil dort die Vereinigte Integrationsförderung sitzt, die sich seit 20 Jahren für eine menschenwürdigere Behandlung von Pflegebedürftigen einsetzt und viele Berichte von Betroffenen über ihre Heimerfahrungen veröffentlicht hat.

Naiv und ahnungslos verabschiedete ich mich zu Hause, packte den Rucksack und saß im Zug nach München.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 06. März 2009 um 23:28 Uhr