Markus Breitscheidel

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Vorschläge und Anregungen

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Vorschläge und Anregungen für ein menschliches, würdevolles Leben im Alter

Ich war ausgezogen, um den Arbeitsalltag in Altenheimen kennen zu lernen und zu erfahren, ob es sich bei den Pflegemissständen um Ausnahmen oder die Regel handelt. Ich bin zurückgekommen mit der Erkenntnis, dass Leben und Arbeiten in Heimen fast immer unerträglich sind. Sicher gibt es Heime, die mit hohem individuellen und idealistischen Einsatz versuchen, das Leben in ihnen angenehm zu gestalten. Doch ändern auch sie nichts an der Tatsache, dass das Heim als Institution menschenunwürdig ist, in ihm die Grundrechte der Menschen potenziell bedroht sind und es keine adäquate Lösung für die Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen im 21. Jahrhundert ist.

Unsere Vorschläge und Forderungen zielen auf die Bewältigung der aktuellen Doppelaufgabe, die real existierenden Missstände in den vorhandenen Heimen abzuschaffen und parallel dazu ein alternatives ambulantes Hilfesystem aufzubauen, das die Heime fast vollständig überflüssig macht. Diese ambulante Versorgung ist und wird Bestandteil einer neu zu entwickelnden Community Care, eines Sorge-Netzes aus vielen Anbietern wie den ambulanten, kommunalen Einrichtungen, privaten Pflegediensten, wenigen Heimen und den Bürgern, die sich sozial engagieren.

 

 

Lösungsvorschläge:

 

Fusion von Pflege- und Krankenversicherung

2001 empfahl die Enquete-Kommission Demografischer Wandel des Deutschen Bundestages, die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung zusammenzulegen. Beide Systeme müssten dann durch niedrige Beiträge um ihre Mitglieder wetteifern und würden sich mehr um Effektivität denn um den Erhalt verkrusteter Strukturen bemühen. Die Krankenkassen würden sich stärker um Präventionsmaßnahmen kümmern, damit die kostenintensivere Pflegebedürftigkeit gar nicht erst entsteht.

Sozialbilanzen der Kranken- und Pflegeversicherung

Die Fusion beider Kassen wäre eine gute Voraussetzung, ist aber nicht zwingend, um folgendes Kontrollsystem zu etablieren: Die Anzahl der Pflegekräfte, für die Krankenkassenbeiträge gezahlt werden, wird verglichen mit der Anzahl der Pflegekräfte, die von den Heimen als notwendige Mitarbeiter gemeldet und von der Pflegekasse pro Heim bezahlt werden. Bei den Krankenkassen lassen sich anhand der gezahlten Krankenkassenbeiträge alle tatsächlich eingestellten Mitarbeiter eines Heimes auflisten. Die Pflegeversicherung summiert anhand der Dokumentationen der Heimbewohner die von ihr bezahlen Pflegestunden und damit die Anzahl der finanzierten Pflegerinnen und Pfleger pro Heim. Eine Differenz dokumentiert Betrug und könnte zum Stopp der Auszahlungen führen sowie Geldstrafen und Prozesse nach sich ziehen.

Sukzessiver Abbau von Heimplätzen

Sukzessive Schließung aller Heime durch Einrichten kleinerer Verwaltungseinheiten mit maximal 20 Bewohnern. Denn die Institution Heim:

  • ist mit lebenslänglichem "open end" und schneidet von der Zukunft ab.

  • erfasst einen Menschen total.

  • sortiert sie nach bestimmten Defiziten, was chronisches Leiden fördert.

  • verunmöglicht ein Leben nach dem Grundsatz: "Es ist normal, verschieden zu sein." (R. v. Weizsäcker)

  • lässt eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nicht zu

  • fördert passives Verhalten und die Angst, dass Kritik zu persönlichen Nachteilen führt. Daraus resultiert eine

  • unreichende psychiatrische Versorgung.

  • schränkt fast alle Grundrechte ein, alleine schon durch die Hausordnungen.

  • hat im Konfliktfall immer Vorrang vor dem Individuum.

  • lässt den, der sich nicht anpasst, "fürsorglichen Zwang" erfahren

  • missachtet den Vorrang der Rehabilitation

  • ist eine Gemeinschaft der Ausgeschlossenen.

Größeres Angebot an Alten-WGs und ambulanten Versorgungseinrichtungen

Gemeinsamer Nenner von Dementen-WGs: die familienähnliche Struktur und eine an der Normalität orientierte Organisation des Tagesablaufs. Aufgrund folgender Vorteile werden sich die stationären Wohnformen und Pflegemodelle in der Zukunft behaupten:

  • Das Selbstbestimmungsprinzip des Kunden bleibt gewahrt darüber:

    • wer Pflege und Betreuung bereitstellt

    • wie Pflege und Betreuung strukturiert sein sollen

    • mit wem die Wohnung geteilt wird (keine "Personenneutralität" wie im Heim)

    • wie die Wohnung ausgestattet wird

    • was gegessen und getrunken wird etc.

    • welcher Pflegeanbieter ausgewählt wird

  • Integration in das Wohnviertel

  • Ausstattung und Tagesabläufe wie im privaten Haushalt

  • Beteiligung von Angehörigen im Haushalt und an der Pflege

  • Beteiligung der Krankenkassen als Kostenträger behandlungspflegerischer Maßnahmen, da es sich sozialrechtlich der eigene Haushalt ist, in dem gelebt und versorgt wird.

  • Beteiligung der Bewohner am Haushalt (Kochen, Einkaufen, Reinigung etc.)

Langzeitvorteile des integrierten Wohnens:

  • Vermeidung von Heimunterbringung, wenn diese gar nicht notwendig ist

  • Prävention durch optimalen Erhalt alltagsweltlicher Kompetenzen

  • Vermeidung von Psychopharmaka-Gaben

  • kein Burn-out-Syndrom bei den Pflegekräften

  • keine Überforderung der pflegenden Angehörigen:

Abschaffung des bestehenden Pflegestufen-Modells und Abrechnung nach individuellen Bedürfnissen

Pflegezustände müssen umfassend sein, also die psychosoziale Betreuung einschließen und nicht überwiegend körperpflegeorientiert bewertet werden. Der derzeitig angewandte Pflegebegriff ist unzureichend, zu wenig ganzheitlich und durch die vorgegebenen Zeitkorridore erheblich beschränkt. Das System der Zeitkorridore macht eine dem Patienten angemessene Pflegebehandlung auch deshalb unmöglich, weil in einen Zeitkorridor nicht mal die Hälfte aller notwendigen Betreuungsschritte fällt. Pflegehandlungen sind sehr heterogen. Sie unterscheiden sich nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch von Situation zu Situation. Für jeden Pflegebedürftigen ist ein individueller Pflege- und Heilplan zu erstellen, der dem tatsächlichen Bedarf folgt – und nicht danach ausgerichtet ist, was Pflegeeinrichtungen gerade zu bieten haben. Eine Kategorisierung von Menschen und Krankheiten in drei Stufen wie zurzeit muss zu Ungerechtigkeiten und unangemessener Behandlung führen.

Das geltende Pflegestufenmodell bedeutet: Je pflegebedürftiger, desto teurer – und beeinflusst die Bilanzen der Heime. Je mehr Bewohner mit Pflegestufe III im Haus liegen, desto mehr Einnahmen werden verbucht. Diese werden nicht freiwillig zurückgeben beziehungsweise als zu viel deklariert, selbst wenn sich der Gesundheitszustand einiger Bewohner verbessern sollte. Die bisherige Konsequenz: Gute Pflege wird bestraft und schlechte belohnt.

Dokumentationspflicht der Heime

Die stationären Pflegeeinrichtungen müssen gesetzlich verpflichtet sein, die Geschäftsabläufe transparent, differenziert und nachvollziehbar mindestens einmal pro Jahr der Öffentlichkeit darzulegen. Dazu zählen:

  1. Aufstellung erhaltener Pflegesätze entsprechend der Einstufung der Bewohner

  2. Zusammensetzung der Entgelte für Kost und Logis sowie detaillierte Kostenaufstellungen bei Erhöhungen der Pauschalen

  3. Jahresbilanzen, die für Behörden, Finanzamt- und Bewohnernachfragen jederzeit einsehbar sein müssen

  4. Kostenaufstellung entsprechend der Bewohneranzahl, welche betriebswirtschaftlich nachvollziehbar sein müssen und nach den Grundsätzen der Wahrheit und Klarheit zu führen sind, somit:

  5. Abschaffung der Selbstkostenblätter der Heime Bisher halten die Heime die Kalkulation der im Haushalt anfallenden Kosten in Form von Selbstkostenberechnungen fest, eingetragen in den so genannten Selbstkostenblättern. Aufgrund der dort genannten Bedarfe und Zahlen erfolgen – ohne jegliche Prüfungen – die Auszahlungen, selbst der größte Posten der Personalkosten wird nicht überprüft. Die Behörden behandeln diese Kalkulationen wie Dokumentationen, zum Beispiel werden keine Belege für der Ausgaben gefordert.

Dokumentationspflicht der Leistungserbringer

Mit dieser Pflicht müssten Ärzte, Therapeuten, Kliniken, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen ihre Leistungen über die Patienten mit den jeweiligen Kassen abrechnen. Das heißt, jeder Patient/Bewohner erhält von seinem Arzt, Krankenhaus usw. eine detaillierte und nachvollziehbare Leistungsabrechnung. Diese Leistungsabrechnungen werden von den Patienten geprüft, gegengezeichnet und an die jeweilige Kasse zur Begleichung weitergereicht.

Abschaffung der bisherigen Heimaufsicht ...

Eine Heimaufsicht, die kein Interesse daran hat, die Zustände in Heimen zu analysieren und Mängel durch Anordnungen und Auflagen zu beseitigen, hat ihre Legitimation verloren. So wie sie bisher (Ausnahme die bayerische Heimaufsicht) arbeitet, ist sie an Aufdeckung von Missständen offenbar nicht interessiert. Es scheint eher so, dass sie mit den Heimbesitzern kooperiert und bestehende Machtverhältnisse (zum Beispiel die der sozialen Wohlfahrtsverbände) nicht ankratzen möchte. Solange eine Heimaufsicht ihrem Auftrag nicht nachkommt und darin indirekt von den kommunalen Politikern, das heißt durch Schweigen und Stillhalten, unterstützt wird, könnte das jeweilige Bundesland durch ihre Auflösung Verwaltungsgelder sparen.

... oder Umstrukturierung der Heimaufsicht zu einem Kontrollinstrument mit Machtkompetenzen

Eine Heimaufsicht, die tatsächlich eng mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen zusammenarbeitet, könnte die Ergebnisse ihrer Prüfungen direkt den Pflege- und Krankenkassen melden und diese zum Handeln auffordern. Das Personal der Heimaufsicht müsste in Anzahl und Qualifikation so verstärkt werden, dass alle jeweiligen Einrichtungen in ihrem Einzugsgebiet einmal im Jahr besucht respektive kontrolliert werden können.

Abschaffung der Ein-Euro-Jobs

Die Spirale führt ins bodenlose Elend: Erst die Zivildienstleistenden, dann die ABM-Stellen, nun die Ein-Euro-Jobs, sie alle sind keine Ergänzung, sondern der Ersatz für regulär bezahlte Vollzeitstellen qualifizierter Mitarbeiter, wie es auch die Erfahrungsberichte mit den Ein-Euro-Stellen seit Ende 2004 belegen. Ein-Euro-Jobs erleichtern es den Heimbesitzern, ihre unsoziale Einstellungspraxis fortzusetzen und mit immer weniger und weniger motivierten Arbeitskräften ein unverantwortliches Heimangebot weiterzuführen. Zwar gibt es viele Zivis, ABMler, und es wird viele Ein-Euro-Jobber geben, die gute Arbeit machen und sich für die Pflegebedürftigen einsetzen. Doch dürfen diese nicht statt examinierter Pflegekräfte eingesetzt und abgerechnet werden. Sollten sie tatsächlich nur zusätzliche Aufgaben übernehmen, so müsste auch das organisiert werden,– doch welches Heim, welche unterfinanzierte Pflegeeinrichtung wird dies leisten und finanzieren können? Stattdessen wird man sie in den normalen Betriebsablauf integrieren.

Mehr Macht den Pflegerinnen und Pflegern

  • Entbindung von der Schweigepflicht für die Dokumentation von Missständen und gefährlicher Pflege

Altenpflegerinnen und Pfleger müssen die Öffentlichkeit informieren können, ohne wegen Verletzung der Schweigepflicht angeklagt zu werden, der sie zurzeit durch ihre Arbeitsverträge unterliegen. Altenpfleger, die ihrem humanen Auftrag nachkommen möchten und die Missstände weder mittragen noch verantworten wollen, dürfen nicht als Nestbeschmutzer, Querulanten und Einzelfälle in der Öffentlichkeit beschimpft und zum Schweigen gezwungen werden. Ihre Aufgabe ist es, die Bewohner zu betreuen und sich für deren Rechte und würdevolles Leben einzusetzen. Ist das Veröffentlichen rechtloser Zustände nicht mehr strafbar, wird es auch einfacher sein, dem beruflichen Auftrag nachzukommen:

  • Pflegerinnen und Pfleger: Macht den Mund auf!

Pflegerinnen und Pfleger sollten die Organisationsform des Teams auch für die eigenen Belange nutzen: sich austauschen, gemeinsam für Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen kämpfen, Forderungen aufstellen und sich nicht abspeisen und einschüchtern lassen. Sie müssen sich verstärkt gegenüber ihren Institutionen für ihre Ideen einsetzen. Sie sollten das Wissen um eure Rechte sammeln, und wenn sich nichts ändert, sich an die Angehörigen, die Presse, die Öffentlichkeit wenden. Denn sie sind verantwortlich für die Menschen, die ihnen anvertraut wurden. Nur noch gefährliche Pflege leisten zu können ist Mord auf Raten. Und die Pflegekräfte, die das mitmachen, sind – leider! – auch Täter.

  • Vorrang der Betreuung von Bewohnern vor den Verwaltungsaufgaben

Der permanente Zeitmangel ist zugunsten der Bewohner und ihrer Betreuung zu entscheiden. Das Führen der Dokumentationen und anderer Verwaltungsaufgaben, mit denen nach außen ein reibungsloser Heimablauf vorgegeben wird, sollte im Selbstverständnis der Pfleger erst an zweiter Stelle stehen. Denn lückenlose Dokumentationen signalisieren und belegen, dass alles zu schaffen ist – selbst das Führen dieser Dokumentation. Nicht ausgeführte Leistungen dürfen nicht dokumentiert, also auch nicht abgerechnet werden. Wenn sie dennoch eingetragen werden, ist es Dokumentenbetrug, der angezeigt werden muss.

  • Bessere Bezahlung entsprechend den Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst

"Für eine menschenwürdige Pflege braucht man menschenwürdige Arbeitsbedingungen." (Claus Fussek)

Das Anfangsgehalt einer Altenpflegerin/eines Altenpflegers liegt bei 1800 Euro brutto für eine Angestellte/einen Angestellten im Alter von 21 Jahren, dies entspricht dem Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT) Gruppe IV a. Mit 25 Jahren sind es 2091,09 Euro monatlich. Manchmal kommen Ortszuschläge und Zulagen dazu, die privaten Betreiber zahlen jedoch meist unter Tarif. (Quelle: BAT 2004, Deutscher Berufsverband für Altenpfleger). Wenn die Gehälter in Anlehnung an die im Öffentlichen Dienst bezahlt werden, kann das Bruttomonatsgehalt zwischen 2275 bis 2433 Euro liegen. (Quelle: Bundesangestellten-Tarifvertrag (BAT). Selbst diese Beträge sind angesichts der Hochleistungsarbeit, des Schichtdienstes und des komplexen Aufgabenfeldes zu niedrig, um längerfristig Menschen für den Beruf zu begeistern und die vielen Aussteiger zu verhindern. Wir fordern –

Gesetzlich verankerte Maßnahmen zur Unterstützung der Leitlinie: Vorrang von Reha und Prophylaxe vor Maßnahmen der Pflege

Die Krankenkassen müssen verpflichtet werden, nach dem Gebot der Wirtschaftlichkeit im Dienste und Interesse des Beitragszahlers zu zahlen, zum Beispiel keine Pauschale für die Anzahl der Betten eines Krankenhauses, sondern Bezahlung nach Belegung, also Bedarf der Betten.

Den Verursacher von Folgekosten haftbar machen:

Dekubitus, Stürze, ... sobald die Krankenkassen signalisieren, dass die Folgekosten in Zukunft der Verursacher zu tragen hat, wird sich die Rate dieser Krankheitsfälle schlagartig reduzieren, wie zum Beispiel in Schweden: Dort verliert der Hausarzt nach dem dritten Dekubitus-Fall seine Zulassung!

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 07. April 2010 um 14:11 Uhr